Interview mit dem Emerson String Quartet

Aus ENSEMBLE – Magazin für Kammermusik 6-2010

Mit freundlicher Unterstützung von ENSEMBLE Magazin http://www.ensemble-magazin.de

 

Emerson String Quartet

Von: Carsten Dürer

Mehr als 36 Jahre Zusammenspiel, eine internationale Karriere, wie es sie nur selten im Kammermusikbereich gibt. Das Emerson String Quartet hat es als eines der wenigen heute noch aktiven Ensembles geschafft, beständig international tätig zu sein. Mehr als 25 Jahre Schallplatten-Aufnahmegeschichte für die Deutsche Grammophon kommen hinzu. Eugene Drucker, Philip Setzer (Violinen), Lawrence Dutton (Viola) und David Finckel (Cello) sind auf allen Podien dieser Welt aufgetreten. Als sie 2010 bei AlpenKLASSIK in Bad Reichenhall auftreten, bitten wir um ein Interview. Und die vier Streicher, die gute Freunde geblieben sind, haben Spaß miteinander, nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Interview – das spürt man in den vielen Randbemerkungen.

Genese und Entwicklung

Ensemble: Sind Sie alle Gründungsmitglieder des Quar-tetts?

Eugene Drucker: Nein, Philip und ich sind Gründungsmitglieder.

Philip Setzer: Wir trafen uns tatsächlich 1969 an der Juilliard School und begannen 1970 in einem Studenten-Streichquartett zu spielen. Aber erst nach Abschluss unseres Studiums begannen wir professionell Streichquartett zu spielen – für ein Jahr. Lawrence kam 1977 zu uns und David 1979. So spielen wir schon über 30 Jahre zusammen.
Ensemble: Aber Sie studierten alle an der Juilliard School?

David Finckel: [lachend] Nein, ich nicht, ich fürchtete mich vor der Juilliard School. Ich bin in New Jersey aufgewachsen und so war die Juilliard School für mich vollkommen beängstigend. Ich hatte gehört, dass man dort einem immensen Wettbewerb ausgeliefert ist.

Eugene Drucker: ... oh, das war so ...

David Finckel: Und ich war nie eine Person, die den Wettbewerb mochte, vor allem nicht, wenn es um Musik geht. So habe ich meine Ausbildung an anderen Orten gefunden. Ich war auf einer anderen Schule, die ich aber dann verlassen habe. Zudem hatte ich schon Konzerte zu spielen, Auftrittsjobs zu absolvieren. So dachte ich, dass ich erst einmal spiele und dann später meine Ausbildung erhalte. Und das dauert bis heute an, ich habe immer noch nicht abgeschlossen. [die anderen lachen]

Ensemble: Wie haben Sie sich dann getroffen?

David Finckel: Wir trafen uns durch den Lehrer von Eugene und Philip, Oscar Shumsky. Er kam mit einem kleinen Orchester nach New Jersey, genau in die Kleinstadt, in der ich lebte. Und ich sollte mit diesem Orchester spielen, da ich ein lokales Talent war. Natürlich brachte Shumsky seine talentierten Studenten mit sich, um im Orchester zu spielen und Leuten wie mir zu helfen [wieder lachen alle], da ich lokal war. Aber in der Kombination mit den angsteinflößenden Studenten von Juilliard formten wir ein ganz gutes Orchester. Und so wurden wir Freunde und ich stellte fest, dass diese Jungs gar nicht so angsteinflößend sind. Als die Gelegenheit kam, dass sie einen neuen Cellisten für das Emerson Quartet suchten, dachten sie an mich – vielen Dank dafür.

Ensemble: Wie kam es denn überhaupt dazu, dass Sie ein Streichquartett formen wollten, war es ein Lehrer, der Sie dazu brachte, oder kam der Wunsch von Ihnen selbst?

Eugene Drucker: Nun, Kammermusik war ein Teil des Curriculums an Juilliard. Wir mussten auch mit Pianisten spielen. Aber wir hatten auch einen familiären Hintergrund, Philip und ich. Mein Vater spielte für zwei Jahre gleich nach dem 2. Weltkrieg im Busch Quartett und hatte auch danach verschiedene Kammermusik-Ensembles. Philips Vater war Teil des Sinfonia Quartet, eines Ensembles, das sich aus Stimmführern von Orchestern zusammensetzte. So war Kammermusik für uns ein Teil der Ausbildung und uns war klar, dass – gleichgültig in welcher professionellen Richtung wir uns entscheiden würden – Kammermusik wichtig bleiben würde.

Ensemble: Also gab es da niemanden, der sie wirklich unterstützte, sondern der Wunsch kam von Ihnen selbst ...

Philip Setzer: Nun, natürlich hatten wir das Juilliard Quartet als Lehrer an unserer Schule, und Robert Mann unterstützte uns sehr.

Lawrence Dutton: Alice Tully unterstützte uns ebenso ...

Philip Setzer: Alle dachten, wir hätten etwas Besonderes – und wir glaubten ihnen. [er schmunzelt]

David Finckel: Als sie mich fragten, ob ich in das Quartett kommen wolle, hatten sie wirklich etwas Besonderes: 60 Konzerte für das kommende Jahr. [alle lachen] Ich schaute mir die Liste an und sagte mir: Wow! Und als ich mich hinsetzte und eine Art Aufnahmeprüfung mit ihnen spielte, war das einfach fantastisch. Wenn man in ein Ensemble kommt, das schon sehr viel zusammengearbeitet hat, dann ist es, als würde man seine Hand in einen gut sitzenden Handschuh stecken, es passt einfach. Es ist so einfach hineinzupassen ...

Philip Setzer: [wieder schmunzelnd] Es war einfach für ihn, aber vielleicht nicht für alle anderen ...

David Finckel: Ich denke, wenn man mit Gastmusikern spricht, die ein Quintett, Klavierquartett oder etwas anderes spielen, bevorzugen die meisten ein festes Streichquartett, da es alles schon zusammenpasst. Und ich erinnere mich immer noch genau daran, die erste Phrase des Ravel-Quartetts, und alles war perfekt intoniert – und ich dachte, das ist großartig. Vielleicht ist heute nicht mehr alles so gut intoniert. [grinst]

Ensemble: Wie viele andere Cellisten haben Sie ausprobiert, bevor Sie sich entschieden?

Eugene Drucker: Einen, ich meine einen anderen ...

Philip Setzer: Ich spielte schon in einem Trio mit David, neben dem Streichquartett. Die anderen hatten das Trio schon gehört und es war recht offensichtlich, dass wir ihn nehmen.

Lawrence Dutton: Ich war immer noch im Studium an Juilliard, als die beiden anderen auf mich zukamen. Bei mir war es vollkommen anders als bei den anderen beiden. Mein Elternhaus hatte nichts mit Musik zu tun. Als ich sehr jung war, war ich in einem dieser Music-Camps im Sommer. Und dort hatte ich mit 13 das erste Mal die Gelegenheit, Streichquartett zu spielen. Und das machte einen immensen Eindruck auf mich. Von diesem Zeitpunkt an – ohne zu wissen, was es bedeuten würde – war dies die Musik, die ich spielen wollte. Und im Studium fand ich die richtigen Menschen, mit denen ich die gesamte Nacht durch Kammermusik las ... so war ich schnell fokussiert auf die Kammermusik. Und ich traf Philip, als wir gemeinsam mit anderen eine Aufnahme spielten. Es war das, was man heute Networking nennt, auch wenn man dies damals noch nicht so bezeichnete. Man traf sich mit Leuten, die genau dasselbe wollten wie man selbst.

Ensemble: Also entwickelte sich alles sehr schnell, wenn Sie schon 60 Konzerte zu spielen hatten, als David Finckel zu Ihnen stieß.

Lawrence Dutton: Ja, es waren bereits 100, als ich dazukam. Und das war nur drei Jahre später.

Philip Setzer: Ja, es entwickelte sich immens schnell.

David Finckel: Nun, Ihr habt den Naumburg-Wettbewerb gewonnen, das war schon etwas.

Philip Setzer: Ja, das ist wahr.

Eugene Drucker: Unser erster Manager sagte: Ich kann euch leicht 20 Konzerte für die kommende Saison besorgen. Ob Ihr dieselbe Anzahl an Konzerten noch einmal bekommt, hängt von euch ab.

Lawrence Dutton: Diese Aussage wäre auch heute noch wahr.

Ensemble: Das war aber der einzige Wettbewerb, an dem Sie teilgenommen haben, richtig? Damals gab es noch nicht so viele Wettbewerbe ...?

Lawrence Dutton: Ich denke, dass es heute zu viele dieser Wettbewerbe gibt, gleichgültig für welches Instrument, für Violine oder für Klavier ...

Ensemble: Das ist wahr, aber auf Streichquartett spezialisierte gibt es ja gar nicht so viele, auch heute nicht.

David Finckel: Nun, lasst uns mal zusammenzählen: Da gibt es Banff, London, ARD, Bordeaux, Borciani, Fisher und ein paar kleinere. Und letztendlich gibt es keinen, der wirklich hervorsticht, wie es früher der Tschaikowsky-Wettbewerb war. Wenn man den gewonnen hatte, dann war das der Start einer Karriere. Dann kamen Leeds und einige der anderen, wie der Queen Elisabeth Competition. Aber für Kammermusik ...

Lawrence Dutton: Nun, als wir dran waren, war dies zumindest für die USA der Naumburg-Wettbewerb. Das hat sich sicherlich geändert ...

David Finckel: Überhaupt ist es doch so bei Wettbewerben, wenn man sich auf ein höheres Niveau begibt, dann spielen alle extrem gut und es ist reine Geschmacksfrage – also kann man jede Art von Jury zusammensetzen, und sie kann sich niemals für einen Gewinner wirklich einstimmig entscheiden. Das klappt nur, wenn alle wirklich schlecht spielen. Beim Streichquartett ist es dann noch zu sehr eine Frage des Spielstils.

Repertoire

Ensemble: Kommen wir auf Repertoire zu sprechen. Sie haben fast jedes wichtige und bekannte Werk der klassischen und der romantischen Periode gespielt. Glauben Sie, dass Sie wirklich schon alle Werke gespielt haben?
Eugene Drucker: Es gibt noch viele Werke, die wir nie gespielt haben, allein etliche Haydn-Quartette.

Lawrence Dutton: Ich weiß nicht, ob ein Leben ausreicht, um alle Werke spielen zu können. Wir haben vielleicht die wirklichen Meisterwerke gespielt – was immer man als solche ansehen mag. Aber es gibt da noch den frühen Schubert, den frühen Mozart – und dann gibt es auch noch diese einzigartigen Wunder im Werkkatalog von Komponisten. So das Kreisler-Quartett oder das Verdi-Quartett, das wir noch nie gespielt haben. Auch wenn sie vielleicht nicht die größten Streichquartettwerke sind, sind es dennoch Werke, die es sich lohnt zu spielen.
Philip Setzer: Es gibt 18 Donizetti-Streichquartette ...

Eugene Drucker: Cherubinis Quartette ... wir haben auch noch nicht das dritte oder vierte Streichquartett von Schönberg gespielt, und das zweite nur einmal und das ist schon eine lange Zeit her und müssen wir erst wieder dahin zurückkehren.

Ensemble: Wie gehen Sie denn zurück zu Werken? Wie proben Sie überhaupt ... regelmäßig?

Lawrence Dutton: Nein, es gibt nichts Regelmäßiges, das ist bei unserem je persönlichen Kalender nicht möglich!

Ensemble: Viele Streichquartette proben ja extrem regelmäßig ...

Lawrence Dutton: Natürlich machen wir das, wenn wir können. Aber das wäre die Ideallösung. Normalerweise haben wir zu unterschiedliche Interessen, sind alle zu beschäftigt mit vielen Dingen. Das Wiedererlernen allerdings ist sehr schwierig. Ich meine, es kommt einem natürlich wieder in den Geist, wenn man sich dransetzt – das ist eigentlich erstaunlich. Aber beispielsweise das Schubert-G-Dur-Quartett scheint, nachdem wir es lange nicht gespielt haben, nicht mehr so leicht wie noch früher. Ich weiß gar nicht: Wann haben wir es das letzte Mal gespielt?

David Finckel: Vor drei Tagen ... [alle lachen auf]

Lawrence Dutton: Ja richtig, das ist großartig ... [lacht auch]

Philip Setzer: [grinsend] Lawrence ist derjenige mit dem Kurzzeitgedächtnis.

Lawrence Dutton: Aber ernsthaft, wenn man zu einem dieser großen Spätwerke zurückkehrt, zu spätem Schubert, spätem Beethoven – ist man wirklich noch beeindruckter, als man schon zuvor war. Ich denke, es ist nun ein sehr guter Zeitpunkt, diese Werke wieder zu spielen, da wir physisch noch in der Lage dazu sind. Aber ehrlich: Wir haben viel mehr seit den früheren Jahren gelernt, haben viel mehr Erfahrungen gesammelt. Natürlich kommen auch die Muskeln wieder hinein, was man da schon mal draufhatte, und man spürt: Wow, das ist richtig schwierig ... aber danach geht es dann wieder.

Ensemble: Wie geht das rein praktisch vor sich, wie gehen Sie arbeitstechnisch daran, ein Werk wieder vorzunehmen? Stellen Sie einfach die Noten auf die Pulte und spielen, oder diskutieren Sie vorher, was Sie alles anders spielen wollen als früher?

Eugene Drucker: Wir spielen erst einmal jeden Satz des Werkes durch. Es kommt auch darauf an, ob es ein Werk ist, das wir früher häufig gespielt haben, oder ob es eines ist, wie das 2. von Schönberg, das wir nur ein Mal gespielt haben, denn dann ist es so, als würden wir das Werk erstmalig spielen – mit der Ausnahme, dass wir Fingersätze und Strichbezeichnungen in den Noten stehen haben ...

Lawrence Dutton: ... was in dieser Situation nicht wirklich Sinn macht.

David Finckel: Ich denke, dass wir alle es so empfinden, dass wir es dem Werk schuldig sind, es wieder neu zu erarbeiten. Das Werk ist zwar immer noch da, aber man selbst hat sich verändert. Man ist erfahrener, man hat deutlich weitergehende Visionen, da man schon länger lebt. Was aber heutzutage besonders gut ist, auch aufgrund neuerer Forschungen, dass man immer neue Ausgaben hat …

Philip Setzer: … oder man kann beispielsweise die Manuskripte sehen – online …

David Finckel: … richtig. Anstelle der alten Noten, mit all den Angaben darin – die ich normalerweise wieder ausradieren würde – kann man eine vollkommen neue Erfahrung machen, auch da die Noten anders gesetzt sind und man sich damit schon umstellen muss. Hilfreich ist auch, wenn man aus der vollen Partitur spielt.

Ensemble: Es gibt im Gesamtrepertoire keine Präferenzen Ihrerseits, so scheint es. Oder gibt es doch Vorlieben von Epochen oder gar Werken?

Eugene Drucker: Wir haben festgestellt, dass einige Werke besonders passend vom Publikum aufgenommen werden. So eines der Schostakowitsch-Streichquartette. Wenn wir vor der Pause ein Schostakowitsch-Quartett spielen, und nach der Pause beispielsweise einen späten Beethoven oder Schubert, dann sprechen nachher doch alle über Schostakowitsch. Wir wissen also, dass wir einen sehr starken Effekt mit Schostakowitsch haben.

David Finckel: Ja, aber ich wette, dass dies bei jedem Quartett so wäre, wenn es dasselbe Programm spielt, dass nachher über den Schostakowitsch gesprochen wird. Es geht dabei nicht um die Qualität des Spiels, sondern um die Erwartungen des Publikums. Es erwartet ein Werk, das schwieriger anzuhören ist, und dann werden sie überrascht, wie viel sie erkennen können, wie angenehm vieles bei Schostakowitsch ist. Beethoven, Schubert, das kennen die Zuhörer schon, darüber brauchen sie nicht mehr zu sprechen.
Für mich persönlich sind die herausragendsten Werke nach wie vor die Beethoven-Quartette. Wir haben sie alle gelernt und vielfach gespielt. Aber zu diesen Werken zurückzukehren ist immer wieder eine Freude. Ich werde einfach nicht müde auch nur von einem von diesen Werken.

Ensemble: Das ist das Besondere von Beethovens Schreibweise, dass man immer wieder etwas entdeckt und niemals gelangweilt ist von ihm, auch im Vergleich mit anderen Komponisten, gleichgültig, wie oft man es hört oder spielt, richtig?

David Finckel: [während die anderen nickend zustimmen] Genau so geht es mir: Es wird niemals langweilig. Und auch die Schreibweise von Beethoven für Streichquartett ist faszinierend. Es gibt keine Probleme beim Spiel, es sei denn die Tonart …

Philip Setzer: … oder rein instrumentale Schwierigkei-ten …

David Finckel: … ja, aber es gibt niemals Probleme mit der klanglichen Balance, wie man sie sogar in Dvorák kennt.

Auftreten

Ensemble: Seit wann spielen Sie – mit Ausnahme von Ihnen, Herr Finckel – eigentlich im Stehen?

Eugene Drucker: Das machen wir seit Januar 2002.

Ensemble: Warum? Aufgrund von Rückenproblemen?

Eugene Drucker: Nun ja, ich hatte Rückenprobleme, auch David. Aber für mich wäre es fast schlimmer, mich an das Stehen zu gewöhnen, wenn es darum gegangen wäre. Aber die Gründe waren unterschiedliche. Ich denke, dass es einfach klanglich besser ist, wenn die Instrumente in den meisten Konzertsälen weiter vom Boden entfernt sind. Das bringt mehr Projektion in den Saal. Zudem sind wir freier im Spiel, wenn wir stehen, wir können uns besser mit dem gesamten Körper bewegen. Und wir sehen einander besser. Zudem kann uns das Publikum besser sehen.
Wir hatten einige Konzerte vor der Entscheidung, dies immer zu tun, die uns dazu brachten, im Stehen zu spielen. Wir spielten das Konzert für Streichquartett und Orchester von Wolfgang Rihm mit dem Cleveland Symphony Orchestra. Es ist eine große Orchestrierung. Der assis-tierende Dirigent, der eine Probe leitete, sagte, er höre das Quartett schlecht, was für uns keine Überraschung war. So versuchten wir aufzustehen und setzten David auf ein Cello-Podium. Dann spielten wir das 15. Streichquartett von Schostakowitsch in dem Theaterstück „The Noise of Time“. Wir spielten dieses Quartett in unterschiedlichen Varianten, die nicht typisch für eine Streichquartettformation sind, bewegten uns während des Spiels auch über die Bühne, bis auf David, der sich nur schwer bewegen konnte …

David Finckel: … ja, ich hatte unterschiedliche Stühle auf der Bühne, zwischen denen ich wechselte …

Eugene Drucker: Das jedenfalls brachte uns zu der Überlegung, im Stehen zu spielen. Während des Theaterstücks waren wir zeitweise sehr weit weg voneinander, das war eine Herausforderung, denn die Rhythmik muss-te entsprechend angepasst werden. Das war eine spannende Erfahrung.

Philip Setzer: Ich erinnere mich, dass wir in Wigmore Hall in London dieses Streichquartett von Schostakowitsch nach den Theateraufführungen dann im Sitzen spielten. Das fühlte sich eigenartig an, irgendwie nicht mehr richtig, auch wenn es zuvor so war, dass wir uns beim Bewegen auf der Bühne etwas bizarr fühlten. Dann versuchten wir ein komplettes Haydn-Programm mit sechs Haydn-Quartetten im Stehen zu spielen. Und da-nach haben wir uns nie wieder hingesetzt.

Ensemble: Nehmen Sie das Podium für das Cello mit?

David Finckel: Nein, das finden wir immer irgendwie, ein Podium für einen Solo-Cellisten ist meist vorhanden oder ein Dirigenten-Podium. Natürlich ist das Podium wichtig, damit wir uns besser sehen können, aber auch, damit die anderen drei mich besser hören können, da das Cello ja eh schon recht tief gespielt wird.

Philip Setzer: Zudem spielt David mit einem abgeknick-ten Stachel, damit der Klang des Cellos auch höher reflektiert wird. Ich erinnere mich, wenn Isaac Stern Violine unterrichtete, sagte er den Studenten immer wieder, sie sollten das Instrument höher halten, damit man sie besser hört. Und da kann schon ein Zentimeter etwas bewirken.

Ensemble: Sie haben in Ihrer Karriere ja etliche Werke an Komponisten in Auftrag gegeben, spielen überhaupt sehr viel sogenannte „zeitgenössische Musik“, was immer das heißt. Denken Sie, dass immer noch genug Werke für das Streichquartett geschrieben werden?

Lawrence Dutton: Oh ja, so viele Komponisten schreiben für Streichquartett …

Ensemble: Das ist mir klar, aber ich meinte Werke, die einen ebenso hohen Standard haben wie in der Geschichte?

Lawrence Dutton: Das ist eine komplett andere Fragestellung …

Eugene Drucker: In einem Satz gesagt: Das wird uns nur die Zeit sagen können, ob Werke, die heute geschrieben werden, überleben werden wie die Musik vergangener Tage. Es wird einen Auswahlprozess über Generationen geben, das ist ganz klar. Aber was sehr positiv gesehen werden kann, ist, dass die Komponisten es immer noch sehr ernst nehmen, für Streichquartett zu schreiben. Sie denken immer noch, dass es eine Herausforderung ist, für diese ökonomische Besetzung zu schreiben, die schwieriger ist als eine groß angelegte Orchestrierung. Ich denke also, die einzige Kammermusikbesetzung, die in den vergangenen 100 Jahren wirklich zurückstand, ist das Klaviertrio. Aber für Streichquartett wird sehr viel geschrieben, so beispielsweise von Wolfgang Rihm, der uns sein neuntes Streichquartett widmete.

Ensemble: Aber erinnern Sie sich an ein Werk, das vielleicht von Ihrer Seite her hoch eingeschätzt wurde, und das vom Publikum gleichermaßen positiv aufgenommen wird?

David Finckel: Nun, das kommt auch auf das Publikum an, denn es ist überall unterschiedlich. Im vergangenen Frühjahr haben wir ein Streichquartett des amerikanischen Komponisten Lawrence Dillon in der Philharmonie in Köln uraufgeführt. Und dieses Stück ist ein wirklich amerikanisch klingendes Werk. Und das Publikum liebte es und gab dem Stück und dem Komponisten, der anwesend war, den längsten Applaus. Nun kann es sein, dass das Kölner Publikum besonders hungrig nach solchen Werken ist, oder besonders gut trainiert für solche Musik. Also manchmal ist man selbst sehr fasziniert und das Publikum nicht. Es ist wirklich schwer zu verstehen.

Lawrence Dutton: Wir spielten beispielsweise die Uraufführung eines Streichquartetts von Kaija Saariaho, das von der Carnegie Hall für uns in Auftrag gegeben wurde. Das war solch ein Erfolg, dass wir es mehr als 30 Mal gespielt haben, überall, in Wien, Salzburg, Luzern, London – in jeder wichtigen Stadt. Und das Publikum reagierte sehr positiv auf dieses Werk.

David Finckel: Es ist schwierig, so etwas vorauszusehen. Man könnte sagen, dass die Musik von Brahms sich neben die Musik von Beethoven einreihte, dass die Musik von Schönberg ihren Platz neben Brahms einnahm, und man könnte sagen, dass Bartóks Musik ihren Platz neben Beethoven einnahm und Schostakowitsch neben Bartók steht. Und nun könnte man sagen, dass das Quartett von Saariaho sich neben Schostakowitsch stellt. Ob es so ist? Keine Ahnung. Als auftretender Künstler möchte ich solche Urteile nicht abgeben. Unser Job ist es, auf die Bühne zu gehen und die Musik so gut zu spielen, wie wir es können. Und dann lasst das Publikum entscheiden, und die Zeit. Das ist unsere Rolle.

Ensemble: Geben Sie auch selbst Werke in Auftrag?

David Finckel: Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir meist von Institutionen gefragt werden, die gerne ein Auftragswerk vergeben wollen, ob wir dieses Werk uraufführen möchten. Wir mussten also noch nie selbst für ein Werk bezahlen. Aber ich weiß, dass wir in dieser Lage wirklich viel Glück haben.

Ensemble: Wie viele Konzerte spielen Sie heutzutage noch, immer noch so viele wie vor 15 Jahren?

Philip Setzer: Ein bisschen weniger sind es schon …

Eugene Drucker: 85 bis 90 Konzerte im Jahr. Aber wir haben früher 100 oder mehr Konzerte gespielt.

David Finckel: Es ist auch eine sich selbst regulierende Tatsache. Unser Honorar ist sehr hoch. Nicht viele Veranstalter können sich das leisten. Natürlich könnten wir 150 Konzerte spielen, wenn wir für weniger Geld spielen würden. Aber wir haben uns entschieden, das nicht zu tun. Das Ergebnis ist zum Beispiel für eine Europa-Tour, dass die Tour an sich kürzer ist, wir aber unglaublich viel reisen zwischen den Städten, in denen wir spielen. Früher hatten wir kurze Anreisewege, da wir zwischen den großen Städten auch in vielen kleinen auf dem Weg gespielt haben.

Ensemble: Aber ist es nicht schade, dass  sich immer wieder die gleichen Veranstalter nur dieses Honorar leisten können und Sie damit immer wieder an denselben Orten auftreten?

David Finckel: Ja, das ist schade, aber manchmal verändert sich auch das Umfeld. Wir haben nun erstmals überhaupt in Oslo gespielt. Zuletzt haben wir mehrere Konzerte in Spanien gespielt, was neu für uns war. Manches Mal verändern sich die ökonomischen Gegebenheiten und dann finden sich auch neue Plätze, an denen man auftreten kann.

Philip Setzer: Vor einem Jahr haben wir beispielsweise eine Debüt-Tour in Südamerika gemacht und nun werden wir dort wieder spielen.

Aufnahmen

Ensemble: Ist es heutzutage eigentlich noch wichtig, Aufnahmen zu machen?

Lawrence Dutton: Nun, das ist natürlich wichtig, es ist das einzige Vermächtnis, was wir hinterlassen können. Wenn wir einmal aufhören Konzerte zu geben, dann ist es das, was übrig bleibt. Ich wünschte mir, dass es von großen Quartetten der Vergangenheit mehr Aufnahmen gäbe, beispielsweise vom Primrose Quartet.

Ensemble: Ist das die Motivation für Sie, heutzutage Aufnahmen zu machen?

Lawrence Dutton: Es geht darum, eine Interpretation von den großartigen Werken zu hinterlassen, die wir einmal hatten. Es ist sehr befriedigend, eine Aufnahme zu haben, auf die man stolz sein kann, mit einer anderen Interpretation als irgendjemand sonst. Und das ist ja das Schöne an Musik überhaupt: dass jeder anders klingt.

David Finckel: Unser primäres Interesse ist, Aufnahmen dahingehend anzuhören, was wir von ihnen lernen können. Es ist ein Teil dessen, wie man Musik spielen lernt. Großartigen Interpreten zuzuhören, mir selbst und meinem Klang zuzuhören. Wir sprechen nicht von der breiten Masse, die Aufnahmen kaufen soll, wir sprechen hier vor allem von uns, unserer Hinterlassenschaft. Es ist ein eher internes Ding. Wenn es um das Publikum geht, dann stellen wir fest, dass man in allen Ländern mit Aufnahmen auf uns zukommt, die vor Jahren eingespielt wurden – das macht uns glücklich, auch wenn wir dort niemals zuvor gespielt hatten. Es ist also auch eine Art von Kommunikation.

Lawrence Dutton: Ich erinnere mich daran, dass junge Zuhörer von 20 Jahren mit unserer Bartók-Aufnahme ankamen, um sie sich signieren zu lassen. Und ich war erstaunt, denn diese Aufnahme war entstanden, bevor diese jungen Leute geboren wurden. [lacht] Das ist wirklich etwas Großartiges!

Philip Setzer: Aufgrund der ökonomischen Situation der Schallplattenindustrie sieht man mehr und mehr Live-Einspielungen. Das ist in Ordnung, es ist gut, solche Aufnahmen zu haben. Aber die traurige Sache daran ist, dass der Prozess einer Aufnahme etwas verschwunden ist. Es gibt etwas, worüber man dabei traurig sein kann, denn man nimmt sich ein Werk vor, arbeitet es immer und immer wieder durch, versucht es so gut wie möglich zu spielen. Es ist ein wichtiger Lernprozess, eine immense Herausforderung. Das verschwindet langsam. Und ich denke, es ist eine Schande. Vieles funktioniert für das Mikrofon, das auf der Bühne nicht funktioniert, man spielt anders. Es ist wie das Arbeiten vor einer Kamera, es gibt viele „Nahaufnahmen“.

David Finckel: Es ist unsere Chance, so zu arbeiten wie ein Maler, der während des Prozesses des Malens zurück-treten kann, um seine Arbeit zu betrachten. Wir können das niemals, wenn wir auf der Bühne stehen. Das ist ein sehr wichtiger Teil.

Lawrence Dutton: Auch die Aufnahmetechnik selbst ist viel kreativer geworden, da man viel schneller arbeiten kann, noch genauer herausfinden kann, welche Phrase wie besser funktioniert. Man erhält ein viel schnelleres Feedback, was man da macht. Man bekommt ein viel besseres Empfinden dafür, wie man klingt.

Ensemble: Bedeutet das, dass Sie die heutigen Aufnahmen befriedigender finden als früher?

David Finckel: Ich denke ja. [die anderen stimmen zu] Wenn ich die letzten unserer Aufnahmen mit unseren früheren vergleiche, fällt mir auf, dass ich so viel mehr hören kann, mehr Farbe, mehr Tiefe im Klang, mehr Details. Man muss allerdings immer besser spielen. Unsere Aufnahmen sind auch immer sehr nah. Das bedeutet: Wenn man in seinem Wohnzimmer eine Aufnahme vom Emerson String Quartet hört, dann ist es nur dieser Raum und dieses Streichquartett, da wir immer sehr nah mikrofonieren. Das ist natürlich auch sehr fordernd, so aufzunehmen.

Lawrence Dutton: Wenn ich Streichquartettaufnahmen höre, die in einem Saal aufgenommen wurden, in einem großen Raum, dann hört sich das für mich immer wie ein Streichorchester an. In Ordnung, wenn die Spieler das so mögen. Ich aber möchte viel mehr die Details hören.

Philip Setzer: Man kann niemals das Emerson Quartet so nah hören wie mittels der Aufnahmen.
Wünsche

Ensemble: Gibt es nach solch einer langen und erfolgreichen Karriere noch Wünsche, die als Quartett offen sind?

Lawrence Dutton: Es gibt immer noch viele Werke, die wir gerne aufnehmen wollen. Und wir wollen noch mit Künstlern zusammenarbeiten, mit denen wir noch keine Gelegenheit hatten, zusammen zu spielen. Und mit diesen auch Aufnahmen zu machen.

Philip Setzer: Nun, wenn man älter wird, denkt man über bestimmte Dinge mehr nach: Wie oft habe ich noch Gelegenheit, den Beethoven-Zyklus zu spielen? Und man wünscht sich, dies noch so oft wie möglich zu haben. Man will nur noch die Musik spielen, die man so liebt – und natürlich daneben auch noch neue Werke lernen.

David Finckel: Ich muss hinzufügen: Je mehr man lernt, umso mehr will man instinktiv das weitergeben, was man alles gelernt hat. Also etwas an die nächste Generation von Streichern weiterzugeben. Den natürlichen Transfer von Wissen und Tradition aufrechtzuerhalten. Viel wird durch Aufnahmen erreicht, aber das meiste wird halt von Angesicht zu Angesicht weitergegeben. Und wir alle sind daran immer mehr interessiert, eine Balance zu finden zwischen Unterrichten und Konzertieren.
Ein weiterer Wunsch allerdings ist: Wir wissen, dass wir eine immense Karriere hatten. Und wir wollen alle aufhören, wenn wir noch gut sind. Wir denken alle darüber nach, dass wir unsere Karriere nicht ruinieren wollen, indem wir abwarten und schlechter werden. Wir versuchen sehr klug damit umzugehen, wie es immer unsere Art war. Auch als ich ins Quartett kam, haben wir uns darüber unterhalten, was wir machen, um Freunde zu bleiben. Und wir werden sicherlich eine ähnlich kluge Entscheidung treffen, wenn wir unsere Karriere beenden wollen.

Ensemble: Vielen Dank für dieses spannende Gespräch.

Emerson