Über die Tücken des Stimmstocks

Aus ENSEMBLE – Magazin für Kammermusik 2-2013

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Abgestimmt

Über die Tücken des Stimmstocks

Von: Oliver Radke

In der vergangenen Ausgabe haben wir schon über das Vorhandensein eines Stimmstockes im Streichinstrument und über dessen prinzipielle Funktionsweise berichtet. Heute möchte ich Ihnen die wichtigsten Aspekte dessen erklären, was ein Geigenbauer mit dem Stimmstock für Ihr Instrument Gutes und nicht so Gutes erreichen kann.

Wenn wir ein Instrument unter der Vorgabe, es nicht auseinanderzunehmen, klanglich optimieren wollen oder sollen, dann beschränken sich die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten überwiegend auf die „Anbauteile“, also Saiten, Steg, Stimmstock, Saitenhalter, Henkelsaite, Wolftöter und so weiter. Unter diesen – so werden Sie mir zustimmen – kämpfen Steg, Saiten und Stimmstock um die ersten drei Plätze auf dem Siegerpodest, was ihre Auswirkung auf den Klang angeht. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, sollten wir kurz überlegen: Wer von den dreien hat welchen (Haupt-)-Einfluss auf Klang und Verhalten des Instruments? Sicherlich ist es kein Thema, dass die Saitenwahl einen sehr großen Einfluss auf Klangfarbe und Ansprache eines Instruments hat. Der Steg hat das mindestens in gleichem Maße, wobei hier schon der Laie keine Chance hat, sondern ein Geigenbauer mit viel Erfahrung die notwendigen Veränderungen vornehmen muss, um den Steg an das jeweilige Instrument optimal anzupassen. Dem Stimmstock werden auch gerne klangliche Wundereigenschaften zugedacht und angedichtet, und hier möchte ich ein wenig auf die Bremse treten. Zugegeben, der Stimmstock hat einen Einfluss auf den Klang des Instruments, aber wesentlich ausschlaggebender ist sein Einfluss auf die Ansprache und die Ausgeglichenheit zwischen den Saiten.
Wir merken das an folgenden Phänomenen, die Sie vielleicht selbst schon beobachtet haben: Ein Instrument ohne Stimmstock klingt hohl und wenig kraftvoll. Ein Instrument mit schlecht passendem Stimmstock klingt matt und spricht schlecht an. Auch wenn der Stimmstock zu kurz ist, also mit zu wenig Spannung im Instrument steht, klingt es matt und nicht sehr kraftvoll. Außerdem passiert es gerne, dass beim Saitenwechseln oder wenn die Wirbel sich lösen und die Saitenspannung „abstürzt“, der Stimmstock umfällt. Dies ist nur dann eine Katastrophe, wenn es kurz vor dem Konzert passiert. Interessanterweise schlägt hier „Murphy’s Gesetz“ gerne zu und es passiert kurz vor dem Auftritt. Bitte versuchen Sie nicht, den Stimmstock selbst mit mehr oder eher weniger geeignetem „Werkzeug“ wieder aufzustellen, es kann dabei zu viel beschädigt werden. Außerdem geht die Wahrscheinlichkeit, dass Sie die richtige Platzierung für Ihren Stimmstock treffen, gegen null. Wenn der Stimmstock beim Saitenwechsel umfällt, dann war er definitiv zu kurz! Bitte tun Sie in diesem Falle Folgendes: Lösen Sie die Saitenspannung so weit, dass Sie den Steg von der Decke nehmen können, wickeln Sie ein Handtuch (trockenes) um den Saitenhalter, so dass er nicht auf der Decke kratzen kann, und besuchen Sie Ihren Geigenbauer. Er wir Ihnen einen neuen, etwas längeren Stimmstock einpassen, und Sie werden Ihr Instrument mehr lieben als zuvor, da der Tausch eines zu kurzen gegen einen Stimmstock der richtigen Länge normalerweise mit einem klanglichen Gewinn verbunden ist.
Das Einpassen eines Stimmstockes ist eine heikle Angelegenheit und bedarf einiger Übung. Um nicht der Geheimniskrämerei bezichtigt zu werden, erkläre ich Ihnen kurz, wie das so geht:
Wir suchen uns einen ungefähr passenden Stimmstock aus der Restekiste oder nehmen als Vergleichsmaßstab den möglicherweise noch vorhandenen Originalstimmstock, den wir als zu kurz oder anderweitig unpassend klassifiziert haben. Diesen spießen wir auf den Stimmsetzer, der ein S-förmig gebogenes Werkzeug mit einer Spitze an dem einen und einem entfernt an einen Stern erinnernden Gebilde mit halbkreisförmigen Aussparungen am anderen Ende ist, welches man zum Verrücken des Stimmstockes benutzt, nachdem er sich im Instrumenteninnern befindet. Der aufgespießte Stimmstock wird in das Innere des Instruments bugsiert und möglichst an der geplanten Stelle aufgestellt. Es ist von Vorteil, wenn dieser Probestimmstock etwas zu kurz ist, denn in diesem Fall bringen wir ihn an seinen auserwählten Platz und können nun abschätzen, um wie viel er länger sein müsste und in welchem Winkel die Flächen an beiden Enden zu schneiden sind. Das ist viel zum Merken, muss aber nur ins Kurzzeitgedächtnis. Nun nehmen wir einen vorbereiteten Stimmstock, schneiden die Enden nach dem soeben Gemerkten in die richtigen Winkel und lassen ihn aber um einige  Zehntelmillimeter (Geige) oder Millimeter (Bass) länger, als er endgültig sein soll. Nun wird wieder probiert, der Stimmstock wird in der Mitte des Korpus platziert und dann zur Seite gezogen, bis er klemmt. Nun sollen die Stirnflächen ganz genau an Decke und Boden anliegen, und zwar auf ihrer jeweiligen gesamten Fläche. Das wird mit Hilfe eines Zahnarztspiegels überprüft. Ist dies nicht der Fall, muss nachgepasst werden. Die Flächen werden mit einem sehr scharfen Messer (genannt „Schnitzer“, ein schöner Name, der nichts mit der Trefferquote zu tun hat) geschnitten und nicht etwa gefeilt oder geschliffen. Nur mit einem sauberen Schnitt gibt es eine saubere, plane Fläche. Es muss nun solange probiert und nachgepasst werden, bis der Stimmstock an seiner optimalen Stelle steht und mit der richtigen Spannung genau passt. Ansonsten gibt es klangliche Einbußen. Da wir aber nach dem Optimum streben, trifft immer wieder gerne der Satz: „Dreimal abgeschnitten und immer noch zu kurz“ zu, und zwar manchmal häufiger, als das Freude macht. Es braucht gelegentlich mehr als einen Stimmstock, um letztendlich einen genau passenden anzufertigen. Die zu kurzen kommen in oben genannte Restekiste und können beim nächsten Mal als Längentest Verwendung finden. So schließt sich der Kreislauf!
Das Einpassen eines neuen Stimmstockes kann sehr schwierig werden, wenn die Innenflächen von Decke und Boden nicht mehr schön glatt sind. Das trifft man häufig bei alten Instrumenten an, bei denen schon viel Klang eingestellt wurde. Leider lassen sich auch ernst zu nehmende Kollegen nicht dazu hinreißen, die Saitenspannung zu lockern, wenn sie am Stimmstock rücken. Dadurch wird sehr gerne das Deckenholz verletzt. Außerdem kann man, wenn das Instrument unter voller Spannung steht, die Bewegungen des Stimmstockes nicht so fein dosieren, als wenn man die Saiten ein ordentliches Stück lockert. Kleine Ortsveränderungen nimmt man sowieso am besten nicht mit dem Stimmsetzer vor, sondern mit einem kleinen „Stimmhammer“ mit dem man seitlich leichte Schläge auf den Stimmstock ausführt, die zu recht ein wenig ans Golfspielen erinnern und auch genau den gewünschten fein dosierten Effekt haben.
Wie schon gesagt, wird die Deckeninnenseite oft durch schlecht passende Stimmstöcke oder durch gewaltsames Verschieben derselben verletzt, was im schlimmsten Fall zu einem Stimmriss oder zu einer derart vermackten Deckeninnenfläche führen kann, dass ein hundertprozentiges Einpassen eines Stimmstockes unmöglich wird. In beiden Fällen hilft nur ein Stimmfutter, welches nicht nur sehr teuer ist, sondern auch den Wert eines Instruments herabsetzt. Wir möchten aber beides vermeiden, und deshalb sollten wirklich nur qualifizierte und sorgfältige Geigenbaumeister Arbeiten am Stimmstock vornehmen.
Nun haben wir den Stimmstock eingepasst und sind mit seiner Position zunächst einmal zufrieden. Ob er wirklich an der optimalen Stelle steht, können wir allerdings nicht sehen oder messen, sondern nur hören. Wenn der Stimmstock an der optimalen Stelle steht, die Amerikaner sprechen gerne vom „sweet spot“, dann ist die Ansprache des Instruments am besten und die Klangfarbe zwischen den Saiten sollte ausgeglichen sein. Ich sage mit Absicht „sollte“, denn auch mit dem schönsten Stimmstock kann aus einem schlecht gebauten Instrument keine Wundergeige werden. Das ist aber kein Grund, in preiswertere Instrumente keine gut passenden Stimmstöcke zu setzen. Gerade bei preiswerten Instrumenten erzielt man durch gutes Spielfertigmachen, das heißt Steg, Stimmstock, Griffbrettoberfläche, Obersattel und Saitenauswahl, oft die erstaunlichsten Erfolge, was Spielbarkeit und Klang angeht.
Der Weg dahin ist eigentlich immer der gleiche, und ich verrate mal ein kleines Geheimnis aus meiner Werkstatt.
Zuerst wird ein gutes Instrument gebaut: Das beste Holz, sorgfältigste Arbeit, eine schöne und zweckdienliche Lackierung und all die vielen Jahre der Erfahrung und Übung kommen hier zum  Zug.
Nun geht es ans Spielfertigmachen. Zunächst wird die Stegposition festgelegt und auf der Decke markiert. Dann wird der Stimmstock eingepasst, danach der Steg angepasst und seine Höhe und Rundung fertig gemacht, so dass man Saiten aufziehen kann. Zu Beginn nehme ich immer einen Satz Saiten, die ich genau kenne und die neutral klingen. Denn ich möchte ja wissen, was das Instrument kann, und nicht, was die Saiten vertuschen können. Nun wird das Instrument angespielt und es wird zunächst die perfekte Stelle für den Stimmstock gefunden. Meistens ist nicht viel Verrückung notwendig. Ist der Stimmstock an seinem Platz, dann bleibt er ab jetzt dort stehen. Anschließend wird der Steg optimiert, was Ansprache und Klangfarbe angeht. Zum Schluss erst werden, wenn notwendig, noch andere Saiten ausprobiert.
So ist mein Weg, es gibt sicher auch andere Herangehensweisen, aber mit Sicherheit ist es nicht sinnvoll beispielsweise verschiedene Saiten auszuprobieren, solange der Stimmstock oder der Steg nicht optimal auf das Instrument abgestimmt ist. Beim Streichinstrument ist wie bei vielen anderen Wunderwerken das perfekte Zusammenspiel aller Teile und Komponenten notwendig. Nur dann kann man den optimalen Klang von einem Instrument erwarten. Wie wir die einzelnen Komponenten optimieren, dafür gibt es keine festen Regeln, aber es ist sinnvoll, darüber nachzudenken, ob man, wenn man ein Detail verändert, Ergebnisse erwarten darf, solange ein anderer Aspekt des Instruments noch sehr im Argen liegt, und dessen negativer Einfluss alle Ergebnisse unserer Bemühungen überschreibt und zunichtemacht.
Also: Erst kommt der Stimmstock, dann die Saiten. Einverstanden?

Schönen Gruß aus der Werkstatt,

Ihr Oliver Radke

Stimmstock