Vom Sehen und Sammeln
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| Es war 1969, als ich Peter Infeld und seiner Mutter Margaretha das erste Mal begegnete. Wien war von den Ausläufern der Woodstock-Atmosphäre erreicht worden, und ich hatte mit ein paar Freunden den Folkklub Atlantis gegründet. Die Milestones hatten einen der ersten Austropop-Hits, und mein Partner im Musikmanagement machte mich mit Peter Infeld bekannt. Gemeinsam mit seiner Mutter besaß er die Musiksaitenfirma Thomastik-Infeld und sponserte schon damals eine Reihe von Musikern und Bands. Ich lernte zwei außerordentliche Menschen kennen. Schon bei der ersten Begegnung wurde mir die Bedeutung der Kunst für Peter und seine Mutter klar, die im Zentrum ihres Interesses steht. An der Wand, gegen den Schreibtisch gelehnt, prak-tisch überall, lagen und standen Bilder zur Ansicht oder bereits erworben. Auf dem Tisch türm-ten sich Kataloge und Korrespondenz mit Künstlern, denn für Margaretha und Peter Infeld war von Anfang an der Bezug zu den kunstschaffenden und kunstinteressierten Menschen genauso wichtig wie der Bezug zu den Bildern. In mehreren Begegnungen entwickelte sich eine gute Bekanntschaft, die später zu einer innigen Freundschaft wurde. Es öffnete sich mir eine neue und interessante Welt. Ich wurde in diesen Kreis der Lebensfreude und des Kunstgenusses aufgenommen, wo ich zahl-reichen Künstlern begegnete. Das führte unter anderem in der Folge auch zu meiner Tätigkeit als Galerist - aber das ist eine andere Geschichte. Die Donnerstage waren es, an denen wir uns zu Gesprächen und zum Kartenspiel bei der Familie Infeld trafen. Wir saßen gemeinsam mit Künstlern wie Walter Navratil, Franz Ringel, Edi Angeli oder Peter Pongratz inmitten der Vielfalt an Bildern, Skulpturen und einer ganz außerordentlichen Schallplattensammlung. Viel später sollte ich erfahren, daß sich diese mani-schen Sammler nicht nur auf ein Sammlungsgebiet konzentrierten, sondern sich mit gleicher Hingebung Autographen, Kunstkatalogen, Musikinstrumenten und vielem mehr widmeten. Manchmal entwickelte sich ein heftiges Kartenspiel, viel häufiger aber eine oft bis in die späte Nacht gehende Diskussion. Margaretha und Peter konnten stundenlang von Künstlern und ihren Begegnungen mit ihnen erzählen - von ihren Obsessionen, Eigenheiten und dieser ganz besonderen Beziehung zwischen Sammler und Künstler. Diese Geschichten sind heute schon zum Teil Wiener Legende geworden. Da gab es die Geschichte von Arnulf Rainer und seinem Handel mit Bauerntruhen und alten Zirkuspferden oder die Geschichte von Mama Fuchs, die ihrem Ernst die Käppis nähte, die sein fast hüftlanges Haar verbargen. Immer und immer wieder standen jedoch die Liebesgeschichten zu den Bildern im Zentrum der Erzählungen, die zum Erwerb einer neuen Arbeit führten. Später gingen wir dann noch aus, ins Atrium mit seiner ersten Nachtgalerie, wo Gottfried Helnwein mit seinen verstümmelten Kinderporträts schockierte (darüber wird noch in der näch sten Katalogerweiterung gesprochen werden), ins Jazzland, das gerade aufgemacht hatte, oder ins Café Dobner, wo Joe Berger seine manischen Texte schrieb und der "König von Ungarn" mit dem "Hauptplatz-Kurti" schnapste. Auch Walter Navratil war im Dobner und erklärte, auf einem Barhocker stehend, Heinzi Kammerer die Kunst. Moldovan war immer da und die unvergeßliche Hermi, die die Schnitzel dunkler als jede andere briet. Eduard Angeli kam immer in Begleitung der schönsten Freundinnen, und Arnulf Rainer hatte bereits eine Tabelle, auf der man die zukünftigen Wertsteigerungen seiner Werke berechnen konnte. Dr. Alfred Schmeller war Hausherr im Museum für Moderne Kunst, und Heinrich von Sydow war einer der ersten Hausgaleristen der Familie Infeld. Er kam in Begleitung einer dunkelhäutigen Prinzessin und zeigte uns Bellmer, Max Ernst, aber auch früheste Fuchs-Radierungen. Für einen kleinen Verkauf oder ein Fest kam er über Nacht aus Frankfurt angefahren. Wie begann aber nun diese lebendige und stets weiter wachsende Sammlung? Das erste Bild war ein Dali-Holzschnitt aus dem Zyklus der "Göttlichen Komödie". Über diesen Surrealisten kam bald darauf der erste Kontakt zur Wiener Schule des Phantastischen Realismus, die in den Anfangsjahren zum zentralen Thema der Sammlung wurde. Begegnungen mit den Künstlern der Wiener Schule über die damals sehr bedeutende Ausstellung dieser Gruppe "Arik Brauer, Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden" im Hauptgebäude der Zentralsparkasse führten zu ersten Kontakten und anschließlich zu Freundschaften und Ankäufen. Alfred Hrdlicka und Karl Korab, Maria Plachky und Gottfried Kumpf, aber auch Arnulf Rainer und Robert Zeppel-Sperl waren bald mit ihren Werken in der Sammlung vertreten. Neben Originalen wurden einige Künstler wie Hundertwasser, Hutter, Fuchs und Hrdlicka auch intensiv in der Druckgrafik gesammelt. Die 60er und 70er Jahre waren von einem unglaublich schaffensreichen Nebeneinander ver-schiedenster Kunstauffassungen geprägt. Während einerseits die Wiener Schule bereits jedem Schulkind ein Begriff war - eine von uns organisierte Ausstellung im Kaufhaus Herzmansky wurde von Tausenden Besuchern gestürmt -, wurden in der Galerie Nächst St. Stephan histori-sche Schlüsselausstellungen von Künstlern wie Rainer, Oberhuber und bald auch Beuys und der internationalen Avantgarde gezeigt. Die Secession war ein Ort der Vielfalt internationalen neuen Schaffens. Hans Staudacher konn-te seine "Events " und opulenten Ausstellungen oft nur für einen Tag zeigen. Dr. Otto Breicha hatte bereits den Begriff von den "Wirklichkeiten" geprägt, und Professor Leo Navratil veranstaltete die ersten Ausstellungen der Gugginger Künstler. Es verging keine Woche, in der wir nicht gemeinsam Aufregendes entdeckten und die Freude am Kennenlernen und Sammeln neue Impulse bekam. Als wir uns kennenlernten, war ein Bild von Richard Oelze und das "Adam-Massiv" von Rudolf Hausner neu erworben worden. An Hausners Bild war auch ein anderer Sammler interessiert, und nur das Gewicht persönlicher Freundschaft zusätzlich zu einem höheren Angebot gaben am Schluß den Ausschlag. Ein Jahr später, wir hatten gerade gemeinsam mit Peter Grebner und Gerd Fischer die Edition Etudiante als Grafikedition für die kleine Studententasche gegründet und waren damit im Atrium äußerst erfolgreich, erweiterte die Bekanntschaft mit George McGuire, Besitzer der alten Galerie Ariadne, erneut das Sammlerinteresse. Ein Allen Jones wurde erworben, dann Jorge Castillo und Adolf Frohner. Die Anfang der 70er Jahre gemeinsam gegründete Galerie Spectrum, die aus unserer Studentenedition hervorging, zeigte von Otto Dix über Enrico Baj und Gottfried Helnwein ein in Wien noch nie gesehenes Programm. Es war geprägt von der reinen Lust auf Kunst und unglaublicher Neugier. Margaretha und Peter Infeld waren vom Sammelfieber ergriffen und wurden bald die besten Kunden ihrer eigenen Galerie. Der größte Teil der in diesem Katalog gezeigten Arbeiten wurde zwischen 1970 und 1980 erworben. Arbeiten von Franz Ringel mußten es ebenso sein wie die seines einzigartigen Förderers Jean Dubuffet. Die Künstler aus Gugging faszinierten gleichermaßen wie Alfred Hrdlicka, der damals gerade Österreich auf der Biennale vertrat. Arnulf Rainer und Peter Pongratz, Christian Ludwig Attersee und Walter Pichler, Kostbarkeiten von Egon Schiele, Gustav Klimt und Herbert Boeckl kamen in rascher Folge in die Sammlung. So sehr ein kluges und vorsichtiges Wirtschaften Infelds Firma zu einem der wichtigsten Erzeuger von Musiksaiten in der Welt machte, so sehr gab es kein Halten, wenn ein Bild die Begeisterung von Mutter und Sohn weckte. Da wurde gerechnet und gefeilscht, und wenn eine Teilzahlung möglich war, um so besser, dann konnte dazwischen vielleicht noch ein weiterer Wunsch für die Sammlung realisiert werden. Die österreichische Kunstlandschaft wurde bald zu klein, und große Künstlerpersönlichkeiten wie Horst Janssen oder der verschrobene Schröder Sonnenstern erweiterten mit ihren Werken die Sammlung. Ein Paris-Besuch ergänzte die Sammlung mit Werken von Picabia, Magritte, Delvaux und Leonor Fini. Arbeiten von Beauchant, Bois Vives und Blondel fanden nach dieser Reise ebenfalls den Weg in die Sammlung. Die Reise nach Paris weckte auch die Sammellust auf die großen Klassiker unseres Jahrhunderts . Es kamen De Chirico, Picasso und Giacometti mit lie-bevoll ausgewählten Arbeiten in die Sammlung. Infeld treibt der ewige Wunsch, immer wieder zu komplettieren, zu ergänzen, abzurunden und die Vielfalt fortzuführen. Alte Lieben wurden ebenso weiter gesammelt, wie sehnlichste Wünche erfüllt wurden. Einer der größten Wünsche Margaretha Infelds war die große Zeichnung von Wölfli. Es war die letzte Arbeit, die Mutter und Sohn gemeinsam erwarben. Meine entscheidendsten Eindrücke stammen aber von den inzwischen zu einem unentbehrlichen Fixpunkt gewordenen Abenden inmitten der Bilder und Skulpturen. Stets waren Freunde da, Musiker, bildende Künstler, mit denen wir philosophierten, diskutierten und angeregte Streitgespräche führ-ten. Über all dem thronte Mama Infeld mit unermüdlicher Energie. Wenn auch der Letzte schon ans Heimgehen dachte, ließ sie noch eine Flasche Wein öffnen und for-derte eine Geschichte ein oder erzählte selbst. "So jung kommen wir nicht mehr zusammen", pflegte sie zu sagen, und es gab kein Nachhausegehen, bevor wir nicht noch diese letzte Flasche geleert hatten. Die Bedeutung der Kunst im Leben Peter Infelds verdeutlicht sich vielleicht am besten an einer der wichtigsten Entscheidungen seines Lebens. Peter hatte bei Mario del Monaco Gesang studiert und eine wunderbare Tenorstimme entwickelt. Ein Vorsingen mit hundert Mitbewerbern brach-te ihm eine Berufung an die Straßburger Oper. Als er vor die Entscheidung gestellt wurde, diese Begabung zu seinem Beruf zu machen, war die Saitenfarbrik, aber vor allem die Lust am Sammeln und in dieser eigenen Welt der Bilder leben zu können, stärker. Ich glaube, er hat es nie bereut. Mäzen und Freund der Künstler will er sein, nicht selber Künstler. Der Wunsch, die Sammlung auch in Erinnerung an seine Mutter immer besser und vielfältiger zu gestalten, Lücken zu schließen und Neues kennenzulernen, wird immer stärker. "Ein Tag, an dem ich kein Bild erwerbe oder erwerben möchte, ist wie ein verlorener Tag. Dabei möchte ich mich nicht durch Methodik oder einen Fachberater in meiner Lust begrenzen lassen. Manchmal frage ich Menschen, die von einer bestimmten Sache etwas verstehen, nach Rat, aber was ich kaufe, entscheiden allein meine Spontaneität und mein persönliches Gefühl." Trotz aller Spontaneität werden bestimmte Sammelgruppen konsequent ausgebaut und kom-plettiert. Für die sehr umfassende Sammlung sind Künstler der Wiener Schule ebenso signifikant wie größere Werkgruppen von Alfred Hrdlicka (Skulptur, Malerei, Zeichnung und Grafik), ein Querschnitt durch die Arbeit von Karl Korab oder die Gruppe "Wirklichkeiten". Der deutsche Zeichner Horst Janssen bildet ein weiteres Schwergewicht. Besonderes Augenmerk wird auch auf die Künstler aus Gugging, ja überhaupt die zustandsgebundene Kunst gelegt. In letzter Zeit richtet Peter seine Aufmerksamkeit auch wieder mehr auf junge österreichische Maler wie beispielsweise Gunter Damisch, Nikolaus Moser und Rainer Wölzl. Aus der Zeit der gemeinsamen Galerie in der Mahlerstraße blieb die Beschäftigung mit Malern wie Enrico Baj, Paul Wunderlich und der internatio-nalen Szene. Eine wichtige Rolle spielt die Kunst der Naiven. Sie wird hier nur am Rande angeführt, da eine eigene Dokumentation und Ausstellung geplant ist. Dennoch erwähnen möchte ich hier Beauchant, Blondel ebenso wie Generalic, Rabuzin, Vecenaj und Kovacic. In den letzten Jahren kümmerte sich Peter Infeld um den Weiterbestand seiner Leidenschaft, immer unterstützt von Gertraud Faigl, seiner Prokuristin und langjährigen wichtigen Freundin. Er sammelt wieder verstärkt Künstler seiner Generation und jüngere Künstler. Er reist jetzt erstmalig viel und ist voller Neugierde, die unglaubliche Vielfalt des Kunstschaffens zu sehen und seiner Sammlung hinzuzufügen. So legt er jetzt neuerdings neben dem konsequenten weiteren Ausbau der Hrdlicka-Sammlung sein Augenmerk auf neue Künstler. Ein sprunghafter Heinrich Nicolaus kommt ebenso in die Sammlung wie die Künstler aus den neuen Bundesländern, Strawalde und Kaeseberg. Unter diesen Aktivitäten möchte ich noch ein mir sehr wichtiges Projekt erwähnen, nämlich die Realisierung einer Grafik-Edition "Die Göttliche Komödie" nach Dante durch Markus Vallazza, welche die Normalität eines Kunstbetriebes insofern sprengt, als sie sich schon über fünf Jahre erstreckt. Im Jahr 2000 wird sie mit den noch verbleibenden Radierungen (Hölle und Paradies) komplettiert. Weiters ist eine Serie von Ausstellungen mit den Druckgrafiken, Originalen und Faksimile-Büchern seiner kompletten Aufzeichnungen vorgesehen. Ein weiteres, zwischenzeitlich etwas vernachlässigtes Interesse wird wieder aufgegriffen, das schon zu alten Ariadne-Zeiten begonnen hatte. Wichtige Werke der Pop-art werden der Sammlung einverleibt, wie zum Beispiel eine hervorragende Arbeit von Andy Warhol und Bilder von Künstlern wie Allen Jones und Mel Ramos. Für den ersten Katalog seiner Sammlung mußte die schwere Entscheidung getroffen werden, welche seiner ihm liebgewordenen Werke er im Rahmen der begrenzten Platzmöglichkeiten zeigen sollte. Wichtige Gruppen naiver Malerei mußten ebenso ausgelassen werden wie Gruppen österreichischer Künstler, die den Rahmen des Möglichen gesprengt hätten. Eine weitere Ausstellung mit Katalog ist bereits geplant. Die Sammlung soll, in ihren verschiedenen Facetten gezeigt, eine Wanderausstellung werden, die vielen Betrachtern Freude bereitet. Wieder zu Hause angekommen, soll sie Anregungen zu neuen Kunstabenteuern geben. So bleibt mir am Schluß nur zu danken. Besonders meinem langjährigen Freund, Dr. Walter Reicher, ohne dessen Anregung diese Ausstellung erst viel später möglich gewesen wäre, dem Kulturamt der Burgenländischen Landesregierung für die Möglichkeit, die Ausstellung in der wunderbaren Landesgalerie zu zeigen. Vor allem aber Margaretha Infeld, weil ohne ihre vielen Anregungen mein Weg vielleicht ganz anders verlaufen wäre, und Peter, der mir nicht nur Freund ist, sondern mir durch sein Vertrauen all die Jahre erlaubt hat, mit ihm diese Sammlung aufzubauen. Ich danke auch Gerhard Kisser für die gute Katalogisierungsvorarbeit und die Fotografie, Werner Hirn für die grafische Beratung, Dr. Gabriele Klimesch für die Ausstellungsarbeit vor Ort und last but not least Gertraud Faigl, die uns immer wieder auf den Boden bringt und die Realisierung der Ausstellung durch ihre Arbeit im Hintergrund möglich gemacht hat. Die Biographien verfaßte Eva Komarek. Gemeinsam mit Brigitte Töpfl überwachte sie auch die Produktion. Um das Lektorat kümmerten sich Gabriele Schneider und Erich Wirl. Auch ihnen mein herzlicher Dank. Ernst Hilger |